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Vorläufige Ergebnisse der Grabung

OWand
Die Ostwand des Hauptraums
Die Ost- und Westwand des zentralen, querrechteckigen Raumes sind noch zwei Stockwerke (rund 9 m) hoch erhalten und weisen beide in jedem Geschoß drei große Wandnischen für Holzschränke (Höhe 1.90 m, Breite 1.20 m, Tiefe 0.70 m) in gleichmäßigen Abständen von 1.20 m auf, wie sie für den stadtrömischen Bibliothekstypus typisch sind.
Dahinter liegen im Erdgeschoß jeweils drei nach außen geöffnete Gewölbekammern, im Obergeschoß je drei untereinander verbundene Gewölbe, die durch eine Tür im südlichsten Schrank der Westwand Zugang zu der hölzernen Galerie vor den Obergeschoß-Schränken hatten. Unsere Grabungen erbrachten ein vor den Erdgeschoßschränken verlaufendes Podium von 0.76 m Höhe. Der ehemals mit einem bunten Marmorfußboden geschmückte Saal mißt 13.30 m x 8.70 m. Die Außenmaße des Gebäudes betragen 24.50 m x 14.10 m.
In Analogie zur trajanischen Celsus-Bibliothek von Ephesos, deren Saal freilich deutlich größer ist (16.72 m x 10.92 m) hatte die Bibliothek von Nysa auf ihrer Südseite drei monumentale Eingänge, deren teilweise erhaltenen marmornen Türgewände mit eindeutig hadrianischer Ornamentik geschmückt sind. Dies datiert das Gebäude in die Jahre zwischen ca. 120 und 140 n. Chr. Das aus großen Kalksteinquadern und örtlich anstehendem Bruchstein errichtete, ursprünglich verputzte Gebäude besaß freilich keine verkröpfte Marmorfassade wie die Celsusbibliothek, sondern vor der südlichen Fassade eine ca. 5 m breite eingeschossige Vorhalle, die an ihrer West- und Ostseite geschlossen war. Als Stützen dienten anscheinend verputzte dorische Säulen aus Kalkstein.
Die zweite Kampagne 2003 konnte die stark zerstörte Nordseite des Saales klären. In der Mitte öffnet sich eine rund sechs Meter breite und dreieinhalb Meter tiefe Exedra eine Stufe über dem Saalboden. In den Wandstücken links und rechts befindet sich je Stockwerk nur ein Schrank. Von der Exedra führt jederseits eine Tür zu den Treppenhäusern hinter der Nordwand. Die um eine Stufe erhöhte Plattform, beherrschte einerseits den Saal, hatte andererseits Zugang zu den Gewölben des Obergeschosses, die vermutlich als Archive dienten. Der Saal entspricht dem Aussehen einer öffentlichen Bibliothek, die Exedra läßt aber eine zusätzliche Funktion als Tribunal vermuten. So scheint die Bibliothek sowohl der Aufbewahrung der städtischen Archive und literarischen Bücherei, vielleicht auch dem grammatischen und rhetorischen Unterricht, als auch an bestimmten Tagen Gerichtsverhandlungen gedient zu haben. Suedlich
Vor der Hauptfassade
Von der um 400 erfolgten Ausstattung der Vorhalle mit einem farbigen Mosaik deutlich zu trennen sind die Vermauerung des rechten und mittleren Portals und die Anlage einer apsisähnlichen geosteten Mauer und von Sitzbänken längs der Saalwände. Zusammen mit Graffiti im Wandputz und den dreizehn mittelbyzantinischen Gräbern im Bereich der Vorhalle deuten diese Veränderungen auf die Verwendung der aufgelassenen Bibliothek als Kirche etwa im 9./10. Jahrhundert.
Der Sarkophag
Der Sarkophag nach der Bergung
Auf der Rückseite der Bibliothek verlief in West-Ost-Richtung eine über 4 m breite, durch große Steinplatten gepflasterte Straße, die nach Osten um 11 Grad ansteigt. Die dritte Kampage 2004 erbrachte, daß an der Nordost-Ecke der Bibliothek sich keine Straßenkreuzung befand, sondern eine Hofmauer längs der Straße nach Osten abgeht. Ein spiegelbildlich entsprechender Befund ergab sich in der vierten Kampagne 2005 auch an der Nordwest-Ecke.

Vor der Südfassade zeigte sich, dass teils über, teils unter dem Niveau des erst im 4. Jh. verlegten bunten Mosaiks der Vorhalle dreizehn byzantinische Gräber angelegt waren.
Sensationell ist der Fund eines intakten Marmorsarkophags unter der Vorhalle links des Haupteingangs. Er war in eine vorbereitete Grube im rechten Winkel zur Fassade eingelassen und am Kasten darum schmucklos geblieben. Der flache Deckel ist jedoch an allen vier Seiten reich geschmückt mit einer waagrechten Eichenlaubgirlande und darunter demselben dreigliedrigen Architekturornament, das auch die Türgewände aufweisen. Der Sarkophag muß also gleichzeitig mit oder sehr bald nach der Erbauung der Bibliothek angefertigt und in Analogie zum Celsus-Sarkophag in Ephesos als Stiftersarg zwar nicht in einer zentralen Grabkammer, aber neben dem Haupteingang beigesetzt worden sein. In seinem Inneren fanden sich gestörte Reste eines männlichen und eines weiblichen Skeletts.
Die Kampagne 2005 hatte folgende Ergebnisse: Der Saal ist vollständig, die West- und Ostfassade weitgehend freigelegt. Auch das Westende der Vorhalle wurde erreicht. Ein darunterliegendes Gewölbe konnte noch nicht ausgeräumt werden. Die Untersuchung der Baugrube der Vorhalle bestätigte ihre Entstehung im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. Reste einer Zisterne kamen als Vorgängerbebauung zutage. Die Keramikfunde dieser und der voraufgehenden Kampagnen wurden weitgehend aufgearbeitet. Große Fortschritte gab es bei der Schließung gefährlicher Löcher in den aufgehenden Mauern und einzelnen Gewölben, so dass die Standfestigkeit der hochragenden Bauteile wesentlich verbessert werden konnte.

In der letzten Kampagen 2006 konnten die westliche Vorhalle und Raum 8 geklärt und die Restaurierung abgeschlossen werden. Raum 4/5 mußte aber aus statischen Gründen unausgegraben bleiben.

2008 erfolgte eine kurze Kontrollkampagne, die einige Lücken der Dokumentation schließen konnte.

Veröffentlichung der Ergebnisse

Ein vorläufiger Bericht über die Kampagnen 2002-2006 ist erschienen in: Archäologischer Anzeiger 2006, 81-97.

Die endgültige Publikation in der Reihe "Forschungen in Nysa am Mäander" befindet sich in Vorbereitung.

Für die Bewilligung von bedeutenden Mitteln zur Durchführung der Kampagnen 2002-2005 haben wir der Gerda-Henkel-Stiftung nachdrücklich zu danken, für die Ermöglichung der abschließenden Kampagne 2006 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Die Kontrollkampagne 2008 konnte dank eines privaten Mäzens stattfinden.

(Prof. Dr. V. M. Strocka)
Die Berge im Norden
Die Berge im Norden...
Maeanderebene
...und das Mäandertal im Süden

Blick über das Theater und die beiden Hügel von Nysa

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